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Geschichte der Biologiedidaktik in Hannover

von Joachim Knoll, aktualisiert von Jörg Zabel (2004)

 

Biologiedidaktik für Volksschullehrer

An Hannovers „gelehrter Schule“, dem Ratsgymnasium, reichen die Anfänge des naturgeschichtlichen Unterrichts bis zur Aufklärungszeit zurück, aber er fand nur sehr unregelmäßig und häufig als Privatunterricht statt. Fachliches Wissen hatten sich Lehrer an der Universität Göttingen und durch privates Studium angeeignet. Das war am unter pietistischem Einfluss stehenden hannöverschen Lehrerseminar, an dem Lehrer für das niedere Schulwesen ausgebildet wurden, ganz anders. In den 1790iger Jahren wurden die künftigen Stadt- und Dorfschullehrer sehr praktisch an die Dinge der Natur herangeführt, sie sammelten, trieben Gartenbau in einem Schulgarten und erhielten sogar erste Eindrücke vom Mikrokosmos. War das 18. Jahrhundert noch eine Zeit des Experimentierens, so wurde die Naturgeschichte im 19. Jahrhundert in den Kanon der heutigen Schulfächer eingefügt. In den Volksschulen hieß das Fach Naturkunde, die Bezeichnung Biologieunterricht wurde erst gegen Ende des Jahrhunderts und nur an Höheren Schulen üblich.

 

Bild_Ratsgymnasium

Der Unterricht an Gymnasien und den dazukommenden Realgymnasien war durch die linnéische Systematik geprägt, eine fachdidaktische Ausbildung gab es trotz einiger Universitätsseminare (mathematisch-physikalisches Seminar Göttingen 1851) so gut wie nicht. Im letzten Drittel des Jahrhunderts wurde dann noch der Biologieunterricht an den gymnasialen Oberstufen wegen eines Konfliktes um die neuere Biologie (Evolution u.a.) abgeschafft. An eine biologiedidaktische Ausbildung der Gymnasiallehrer war kaum und nur von wenigen Hochschullehrern gedacht. Ein gründliches Biologiestudium, ergänzt durch wenige Stunden Philosophie oder Pädagogik („Philosophikum“), wurde für Lehrer als ausreichend angesehen, alles Übrige sollte das Studienseminar und die sich einstellende Unterrichtsroutine bringen. Im Wesentlichen galten diese Auffassung und Praxis bis in die jüngste Gegenwart und beeinflussten auch die für Lehrer gedachten Fortbildungsveranstaltungen.

Die Unterweisung der künftigen Volksschullehrer am Hannoverschen und Alfelder Seminar (seit 1813) war bis zum Ende des Jahrhunderts ebenfalls stark systematisch geprägt und an die jeweils eingeführte Fibel und das Lesebuch gebunden, bis sich durch die Arbeitsschulbewegung und den Einfluss der Schulbücher von Otto Schmeil, Änderungen anbahnten. War die Naturkunde bis dahin und in der Regel ein Nebenfach, so war sie seit 1872 immerhin endgültig und auch im inzwischen preußischen Hannover als Schulfach anerkannt.

Die 1920iger Jahre waren durch einen beträchtlichen Reformoptimismus gekennzeichnet. 1929 wurde in Hannover eine Pädagogische Akademie gegründet, an der Prof. Dr. Karl Asmus für künftige Volksschullehrer unterrichtsmethodische und fachbiologische Veranstaltungen anbot. Doch 1931 wurde die Akademie wieder geschlossen.

 

Braune Biologiedidaktik

In der Zeit des Nationalsozialismus erfuhr der Biologieunterricht wegen seiner „staatstragenden Bedeutung“ (Rassenlehre u.a.) an allen Schulen, auch in Hannover, eine erhebliche Förderung. Durch zahlreiche Kurse und Fortbildungsveranstaltungen wurde die Lehrerschaft mit nicht geringem Erfolg auf das neue Regime eingeschworen. Alle Einrichtungen mit irgendeiner Beziehung zur Biologie wurden „gleichgeschaltet“; Jahrgang 1939 der Zeitschrift des Biologieverbands „Der Biologe“ ist allein den „Erfolgen“ in Hannover gewidmet.
An der Hochschule für Lehrerinnenbildung in der Bismarckstraße, die 1941 allerdings wieder in eine Lehrerbildungsanstalt umgewandelt wurde, vertrat Ferdinand Roßner, gleichzeitig Mitarbeiter am Rassenpolitischen Gauamt Hannover, besonders extreme Positionen, die ihn u.a. die Maßnahmen „zu Verhütung erbkranken Nachwuchses“ 
als eine „Wohltat für das Volk“ bezeichnen ließen. Nach seiner Haft konnte seine Einstellung als Biologiedidaktiker an der Pädagogischen Hochschule Niedersachsen verhindert werden, seiner Einstellung als Gymnasiallehrer stand hingegen nichts im Wege. 

 

Biologiedidaktik unter Bedingungen der PH

Rudolf Genschel vertrat seit 1946 an der Abteilung Hannover der Pädagogischen Hochschule Niedersachsen die Ansicht, man müsse bei der Arbeitsschulbewegung vor 1933 wieder ansetzen. Diese Richtung wurde auch von seinem Nachfolger Erich Strauß fortgesetzt, der besonders durch seine Schulbücher über Niedersachsen hinaus bekannt wurde.

Im Jahr 1979 wurde die Abteilung Hannover als Fachbereich Erziehungswissen- schaften II in die Universität Hannover eingegliedert. Aufgabe dieses Fachbereichs war in erster Linie die Ausbildung von Volksschullehrern und Sonderschullehrern.

 

Bismarckstrasse 2

Wie seinen Vorgängern fiel Prof. Dr. Joachim Knoll die Aufgabe zu, für die künftigen Sachkunde- und Biologielehrer einen angemessenen fachlichen und fachdidaktischen Studiengang zu organisieren. Dies musste ohne die Mitarbeit der Biologiedozenten am Fachbereich Biologie der Universität (aus der Fakultät für Gartenbau hervorgegangen) und der Tierärztlichen Hochschule Hannover geschehen, vorwiegend durch die vorhandenen Mitarbeiter und zahlreichen Lehrbeauftragte. Alle Bemühungen zur Angliederung des Lehrgebiets Biologiedidaktik an die biologischen Fachbereiche scheiterten.

 

Biologiedidaktik an der Tierärztlichen Hochschule

Auf diese Weise gab es keine Zusammenführung der Ausbildung von Biologielehrern aller Schulformen. Künftige Gymnasiallehrer konnten erst von 1969 an bei Gerhard Mostler Veranstaltungen zur Methodik des Biologieunterrichts besuchen. Der Zuspruch war gering, zumal eine besondere Prüfung über dieses Gebiet nicht gefordert wurde. Die Situation besserte sich etwas, als Prof. Dr. Horst Bayrhuber 1978 die Nachfolge von Mostler antrat. Nach seinem Weggang 1987 wurden Veranstaltungen zur Biologiedidaktik von mehreren Lehrbeauftragten wahrgenommen.

Didaktikvilla_TiHo

Biologiedidaktik an der Bismarckstraße

Ein wirklicher Fortschritt war die 1998 erlassene Prüfungsordnung, die von allen Lehramtsstudierenden des Faches Biologie den Nachweis von Studienleistungen nicht nur in der Biologie, sondern auch in der Biologiedidaktik verlangt. Die Bismarckstraße wurde nun zum Mittelpunkt der biologiedidaktischen Ausbildung für alle Lehrämter, während die fachliche Ausbildung weitgehend in die Hände der Fachbiologen der Universität, der Tierärztlichen Hochschule und der Medizinischen Hochschule Hannover gelegt wurde. Zur Grund- und Sonderschulausbildung trägt die Biologiedidaktik aber auch fachwissenschaftliche Anteile bei. Seit dem WS 04/05 werden allerdings in Hannover keine neuen Lehramtsstudierenden für Grund-, Haupt- und Realschulen aufgenommen. Die früher begonnenen Studien in diesen Fächern können aber am Standort Hannover zuende geführt werden.

 

Biologiedidaktik in Bachelor-/Masterstudiengängen

 Im WS 04/05 wurden die Lehramtsstudiengänge für Gymnasien, Berufs- und Sonderschulen modularisiert. Gleichzeitig können nun in diesen Studiengängen die international anerkannten Abschlüsse Bachelor und Master erreicht werden. Die biologische und biologiedidaktische Ausbildung wird dabei nach einem Major-Minor-Modell mit dem jeweiligen Zweitfach zu einem fächerübergreifenden Studiengang verknüpft. Auf diese Weise können die Absolventen nach dem Bachelor- und dem darauf aufbauenden Masterstudiengang eine dem 1. Staatsexamen adäquate Qualifikation erreichen.

 

Biologiedidaktik am Kleinen Felde

 IIm Frühjahr 2011 bezog das Institut für Didaktik der Naturwissenschaften und somit der Fachbereich Biologiedidaktik die komplett neu hergerichteten Räumlichkeiten am Kleinen Felde.